Multi-Tasking im Polizeidienst

Was unser Gehirn wirklich kann – und was nicht


„Ich kann problemlos mehrere Dinge gleichzeitig tun – das bin ich aus dem 
Dienst so gewöhnt.“ Dieser Satz ist im Polizeialltag häufig zu hören. Dieses 
Kapitel zeigt, warum er aus wissenschaftlicher Sicht nicht zutrifft – und welche 
Konsequenzen das für die tägliche Arbeit hat.


Der Mythos vom Multi-Tasker

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine Polizeibeamtin fährt mit dem Streifenwagen durch die Innenstadt. Das Funkgerät meldet einen Einsatz, während sie gleichzeitig ein verdächtiges Fahrzeug im Rückspiegel beobachtet und die Adresse in ihr Navigationssystem eingibt. Im gleichen Moment tippt ihr Kollege auf dem Beifahrersitz eine Meldung ins Einsatzsystem.

„Kein Problem“, würde mancher sagen – „Das können wir.“
Doch genau hier beginnt das Problem.

In nahezu allen Berufsfeldern gilt Multi-Tasking als Zeichen von Leistungsfähigkeit. Im Polizeidienst wird es geradezu erwartet. Wer viele Dinge gleichzeitig im Griff hat, gilt als professionell und belastbar. Doch was die Wissenschaft des Gehirns – die Neurowissenschaft – dazu sagt, klingt zunächst überraschend: Echtes Multi-Tasking, also das tatsächlich gleichzeitige Verarbeiten mehrerer anspruchsvoller Aufgaben, gibt es beim Menschen schlicht nicht. Was wir im Alltag als Multi-Tasking erleben, ist in Wirklichkeit ein rasches Hin- und 
Herspringen zwischen Aufgaben. Und jedes Mal, wenn das Gehirn diesen Wechsel vollzieht, zahlt es einen Preis: in Form von Zeit, Energie und – im schlimmsten Fall – Fehlern.

Diesesr Beitrag erörtert, wie das Gehirn tatsächlich arbeitet, welche Risiken sich daraus für den Polizeidienst ergeben und wie diese durch gezieltes Training und kluge Arbeitsorganisation erheblich reduziert werden können.

 

Wie das Gehirn wirklich funktioniert

Um zu verstehen, warum Multi-Tasking nicht möglich ist, hilft ein Bild: Stellen Sie sich das Gehirn bei komplexen Aufgaben wie eine einspurige Straße vor. Zwei Autos können diese Straße nicht gleichzeitig benutzen – das zweite muss warten, bis das erste durch ist. Genau so funktioniert auch unser Denk- und Entscheidungszentrum.

Dieses Zentrum ist der sogenannte präfrontale Kortex – ein Bereich direkt hinter der Stirn, der für alles zuständig ist, was bewusstes Nachdenken erfordert: Entscheidungen treffen, Situationen einschätzen, Pläne entwickeln, Prioritäten setzen. Dieser Bereich kann nach allem, was die Forschung zeigt, nur eine anspruchsvolle Aufgabe zur gleichen Zeit wirklich vollständig verarbeiten.

Wissen kompakt: Der präfrontale Kortex
Der präfrontale Kortex ist der Bereich direkt hinter unserer Stirn. Er ist so etwas wie die „Schaltzentrale“ des Gehirns. Hier wird entschieden, bewertet, geplant und gesteuert. Er ist zuständig für all das, was wir im Alltag als „nachdenken“ 
bezeichnen würden – also alles, was nicht automatisch abläuft. Genau deshalb ist er auch der Engpass beim Multi-Tasking: Weil er so viel leisten muss, aber nur begrenzte Kapazität hat.
Der amerikanische Psychologe Harold Pashler wies bereits 1994 experimentell nach, was seitdem vielfach bestätigt wurde: Wenn eine zweite Aufgabe ankommt, bevor das Gehirn die erste vollständig verarbeitet hat, entsteht eine messbare Verzögerung. Das Gehirn muss buchstäblich warten. Je nach Situation beträgt diese Pause zwischen einer Viertelsekunde und einer vollen Sekunde – Zeitspannen, die im Einsatzgeschehen über Leben und Tod entscheiden können.

Aufgabenspringen und seine versteckten Kosten
Wenn wir zwischen zwei Aufgaben wechseln, laufen im Gehirn zwei Prozesse ab, die beide Energie und Zeit kosten:

– Zielwechsel: Das Gehirn muss das bisherige Ziel „abschalten“ und das neue Ziel 
aktivieren. So wie man einen Computer von einem Programm zum nächsten 
umschalten muss – das dauert, auch wenn es nur Sekunden sind.

– Regelwechsel: Für jede Aufgabe gelten andere „Spielregeln“. Das Gehirn muss die 
alten Regeln hemmen und die neuen Regeln laden. Fahren mit Blaulicht folgt anderen 
Regeln als das Ausfüllen eines Protokolls – das Gehirn muss diesen Kontext aktiv 
wechseln.

Forscher haben berechnet, dass Menschen durch häufiges Aufgabenspringen bis zu 40 Prozent mehr Zeit für dieselben Aufgaben benötigen als wenn sie sie nacheinander erledigen (Rubinstein, Meyer & Evans, 2001). Dieser Verlust ist keine Frage von Disziplin oder Talent –er ist biologisch bedingt.

 


Während einer Verkehrskontrolle führt eine Beamtin das Gespräch mit dem 
Fahrzeughalter. Gleichzeitig kommt über Funk eine Durchsage. In dem 
Moment, in dem sie auf den Funk achtet, „verliert“ ihr Gehirn kurz den Faden 
des Gesprächs – und umgekehrt. Sie hört beides, aber verarbeitet nie beides 
vollständig. Das Risiko: Sie übersieht eine nervöse Geste des Fahrers, die auf 
Bewaffnung hindeuten könnte. Oder sie versteht den Funk nur fragmentarisch.

 


Neben der einspurigen Straße des präfrontalen Kortex hat das Gehirn einen weiteren Engpass: das Arbeitsgedächtnis. Es ist der „Schreibtisch“ unseres Denkens – dort, wo wir Informationen kurzzeitig ablegen und mit ihnen arbeiten, bevor sie entweder ins Langzeitgedächtnis übertragen oder vergessen werden.
Dieser Schreibtisch ist erschreckend klein. Die klassische Forschung spricht von etwa vier bis sieben Informationseinheiten, die gleichzeitig gehalten werden können – modernere Studien gehen sogar von nur drei bis vier wirklich nutzbaren Einheiten aus. Im Polizeidienst werden diese Kapazitäten regelmäßig und massiv überschritten.

Was passiert bei Überlastung des Arbeitsgedächtnisses?
Stellen Sie sich einen Schreibtisch vor, auf dem zu viele Zettel liegen. Irgendwann fallen welche herunter – und genau das passiert auch im Kopf:
Das Gehirn blendet automatisch einige Reize aus (selektive Aufmerksamkeit). Informationen, die bei voller Auslastung ankommen, landen oft nicht im Langzeitgedächtnis – man „vergisst“ sie kurz nach der Aufnahme. Entscheidungen werden schneller und vereinfachter getroffen – nach Bauchgefühl statt nach Analyse. Die Fehlerrate steigt deutlich an.

Stress verstärkt das Problem: Die Rolle der Amygdala

Im ruhigen Büroalltag sind die Folgen von Überlastung vielleicht überschaubar. Im Einsatzgeschehen kommt jedoch ein weiterer Faktor hinzu: Stress. Wenn wir uns in einer Gefahrensituation befinden – bei einem körperlichen Angriff, einer Geiselnahme, einer Hochgeschwindigkeitsverfolgung – aktiviert das Gehirn seinen Überlebensmodus.

Die sogenannte Amygdala, ein mandelgroßes Areal tief im Inneren des Gehirns, übernimmt dabei die Führung. Sie ist für Kampf-, Flucht- und Erstarrungsreaktionen zuständig und reagiert blitzschnell – aber auch grob und wenig differenziert.
Je stärker die Amygdala aktiviert ist, desto mehr wird der präfrontale Kortex – unsere Schaltzentrale für überlegtes Handeln – in seiner Funktion eingeschränkt. Dieses Phänomen hat der Emotionsforscher Daniel Goleman treffend als „Amygdala-Hijacking“ (Amygdala-Entführung) bezeichnet: Das Gefühlszentrum „kapert“ das Denken.


Je höher der Stress, desto stärker wirkt sich das Aufgabenspringen aus –
genau in den Situationen also, in denen klares Denken am wichtigsten wäre.


Sequenzielles Denken: Die Stärke des „Eins nach dem anderen“
Sequenzielles Denken – also das Nacheinander-Bearbeiten von Aufgaben – ist keine Schwäche. Es ist die natürliche und effizienteste Arbeitsweise des menschlichen Gehirns. Wer eine Aufgabe vollständig zu Ende bringt, bevor er die nächste beginnt, macht keine Abstriche beim Ergebnis – er handelt neurobiologisch klug.
In der Forschung wird dieses Prinzip durch das Modell des „Exekutiven Kontrollsystems“ beschrieben: Ein übergeordneter Bereich des Gehirns verwaltet die Reihenfolge von Aufgaben, sorgt dafür, dass eine Sache zur gleichen Zeit die volle Aufmerksamkeit erhält, und schaltet geordnet zur nächsten weiter. Dieses System arbeitet umso zuverlässiger, je klarer die Prioritäten sind.

Ein entscheidender Punkt, der im Alltag häufig übersehen wird: Nicht alle Aufgaben 
beanspruchen unser Denkvermögen gleich stark. Die Forschung unterscheidet zwischen zwei grundsätzlichen Typen von Handlungen:
Automatisierte Handlungen sind solche, die wir durch viel Übung so gut beherrschen, dass sie quasi „von selbst“ ablaufen. Ein erfahrener Autofahrer denkt nicht mehr aktiv darüber nach, wie er schaltet oder lenkt. Eine geübte Beamtin muss beim Anlegen des Holsters nicht nachdenken. Diese Handlungen belegen kaum Platz auf dem „Schreibtisch“ des Arbeitsgedächtnisses und laufen parallel zu anderen Aufgaben problemlos ab.
Kontrollierte Handlungen hingegen erfordern volle bewusste Aufmerksamkeit. Dazu gehören: eine unbekannte Situation einschätzen, eine rechtliche Entscheidung treffen, ein schwieriges Gespräch führen oder einen komplexen Plan entwickeln. Hier ist der präfrontale Kortex maximal gefordert – und genau hier entstehen die Probleme, wenn gleichzeitig weitere Anforderungen eintreffen.

 

Faustformel für den Dienst: Zwei automatisierte Aufgaben gleichzeitig sind meistens möglich. Eine automatisierte und eine kontrollierte Aufgabe sind unter Umständen machbar. Zwei kontrollierte Aufgaben gleichzeitig – das gelingt dem menschlichen Gehirn nicht. Das Ergebnis sind Fehler, Verzögerungen oder das unbewusste Ignorieren einer der Aufgaben.

 

Erfahrung macht den Unterschied: Das Prinzip des Chunking
Erfahrene Polizistinnen und Polizisten können tatsächlich mit typischen Einsatzsituationen „effizienter“ umgehen als Berufsanfänger – aber nicht weil sie besser im Multi-Tasking sind. 
Der Grund liegt in einem Phänomen, das Forscher als „Chunking“ bezeichnen und welches wir später noch genauer behandeln: das Zusammenfassen von vielen Einzelinformationen zu einem sinnvollen Gesamtbild.
Ein Schachgroßmeister sieht beim Blick auf das Brett nicht 32 Einzelfiguren – er sieht bedeutsame Muster und Konstellationen. Ein erfahrener Polizist sieht bei einem Einsatz nicht eine Liste von Einzelfaktoren – er erkennt sofort das Gesamtbild einer bestimmten Lage. Was für den Anfänger vier Informationseinheiten beansprucht, belegt beim Erfahrenen nur eine. Dadurch wird Kapazität frei für andere Aufgaben.

 


Berufserfahrung und Training machen das Gehirn nicht leistungsfähiger –
aber effizienter. Wer Situationen schnell als Muster erkennt, hat mehr 
Denkkapazität für das Unerwartete.

 


Konkrete Risiken im Polizeidienst

Das Fahren eines Polizeifahrzeugs zählt zu den anspruchsvollsten Kombinationsaufgaben im Dienst. Doch während man für das Bedienen des Mobiltelefons am Steuer hohe Bußgelder riskiert, gilt die gleichzeitige Bedienung von Funk, Navigations- und Einsatzsystemen oft als selbstverständlich.

Dabei ist die wissenschaftliche Befundlage eindeutig: Der Psychologieprofessor David Strayer zeigte bereits 2001, dass Telefonieren – auch freihändig – die Reaktionsfähigkeit auf das Niveau einer Person mit 0,8 Promille Alkohol im Blut reduziert. Der Grund ist nicht die Hand am Gerät, sondern die kognitive Ablenkung: Das Gespräch belegt denselben Bereich des Gehirns, der auch für die Fahraufgabe benötigt wird.

Für Polizeifahrzeuge mit ihren komplexen Kommunikations- und Einsatzsystemen gilt dieses Problem in verstärktem Maße. Die Folgen sind dokumentiert:

– Ein sogenannter Tunnelblick entsteht: Die Aufmerksamkeit verengt sich auf einen 
  Fokuspunkt, Gefahren am Rand des Blickfelds werden übersehen.

– Bremsreaktionen verzögern sich – bei 50 km/h bedeuten 0,5 Sekunden längere 
  Reaktionszeit knapp sieben Meter mehr Bremsweg.

– Taktische Entscheidungen während der Fahrt werden schlechter und riskanter.

Die Lagebeurteilung – also das Überblicken und Einschätzen einer Einsatzsituation – ist eine der anspruchsvollsten kognitiven Aufgaben im Polizeidienst. Sie erfordert, dass man Informationen nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht und daraus Vorhersagen ableitet.Die Forscherin Mica Endsley (1995) beschrieb diesen Prozess in drei Stufen, die im Deutschen gut mit „Wahrnehmen – Verstehen – Vorhersagen“ zusammengefasst werden können. Wenn das Gehirn durch gleichzeitige Anforderungen überlastet ist, leiden vor allem die zweite und dritte Stufe: Informationen kommen zwar an, werden aber nicht mehr richtig eingeordnet oder für die Planung genutzt.

 


Ein Einsatzleiter koordiniert per Funk mehrere Streifenwagen, studiert 
gleichzeitig eine Lagekarte und beantwortet Fragen eines Kollegen. Ein 
Funkteilnehmer meldet, dass sich die Personenzahl der Verdachtspersonen 
erhöht hat. Der Einsatzleiter hört die Meldung – aber sein Gehirn ist zu 
ausgelastet, um die Information in die taktische Planung zu integrieren. Er 
handelt weiter auf Basis veralteter Annahmen. Ein Musterbeispiel dafür, wie 
Multi-Tasking bei der Lagebeurteilung versagt.

 


Besonders wenig bekannt, aber für den Polizeidienst hochrelevant: Kognitive Überlastung verschlechtert unsere Fähigkeit, andere Menschen richtig einzuschätzen. Das Erkennen von Emotionen, das Lesen von Körpersprache, das Einfühlen in eine Situation – all das sind komplexe, ressourcenintensive Prozesse.
Wenn diese Kapazität durch Aufgabenspringen gebündelt ist, greift das Gehirn auf Abkürzungen zurück: Es urteilt schnell und vereinfacht. In der Forschung wurde gezeigt (Correll et al., 2002), dass Menschen unter kognitiver Last verstärkt auf Vorurteile und Klischees zurückgreifen. Für den Polizeidienst bedeutet das ein erhöhtes Risiko von Fehlbeurteilungen – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für alle Beteiligten.

– Eskalationspotenzial steigt, weil nonverbale Signale nicht mehr vollständig 
wahrgenommen werden.

– Die Qualität von Befragungen sinkt, weil Aufmerksamkeit zwischen Fragen, Notizen 
und Funkgerät geteilt wird.

– Fehleinschätzungen der Gefährlichkeit oder Kooperationsbereitschaft häufen sich.

Alle bisher beschriebenen Probleme potenzieren sich über die Dauer eines Diensttages. Jede Aufgabe, die bewusste Aufmerksamkeit erfordert, jedes Mal Aufgabenspringen und jede Entscheidung unter Druck zehrt an einer gemeinsamen Ressource – unserer mentalen Energie. Diese Ressource lädt sich nicht von allein nach, sondern braucht bewusste Erholung.
Baumeister und Kollegen (1998) nannten dieses Phänomen „Ego-Depletion“ – ein Begriff, der beschreibt, wie Willensleistung und kognitive Kontrolle im Laufe des Tages abnehmen wie ein Akku, der sich langsam entleert. Am Ende eines intensiven Diensts sind Entscheidungen impulsiver, Fehler häufiger, Empathie geringer und ethische Kontrolle schwächer.

 


Prävention: Was Einzelne und Organisationen tun können

Priorisieren und sequenzieren
Die wirksamste persönliche Strategie ist so einfach wie konsequent: Aufgaben bewusst nacheinander erledigen. Das klingt banal, erfordert aber in einer Einsatzkultur, die Gleichzeitigkeit glorifiziert, echten Mut und Selbstbewusstsein.
Eine hilfreiche Technik ist die sogenannte „Stop-Think-Act“-Methode: Bevor ein Aufgabenwechsel vollzogen wird, kurz innehalten, die aktuelle Aufgabe zu einem natürlichen Haltepunkt führen und den Wechsel dann bewusst vollziehen. Diese kurze Pause kostet Sekunden – spart aber im Zweifel deutlich mehr.

Informationen nach außen verlagern
Das Arbeitsgedächtnis wird entlastet, wenn Informationen sofort notiert werden, statt sie im Kopf zu behalten. „If in doubt, write it out“ – wer Informationen, die später wichtig werden, direkt aufschreibt oder ins System eingibt, entlastet seinen kognitiven Schreibtisch für das Wesentliche.

Achtsamkeit und bewusste Aufmerksamkeitssteuerung
Achtsamkeitstraining – ursprünglich aus der Meditationspraxis stammend, heute in vielen Behörden und Militärorganisationen weltweit etabliert – verbessert nachweislich die Fähigkeit, Aufmerksamkeit gezielt zu steuern, schneller zwischen Aufgaben zu wechseln und unter Stress ruhiger und klarer zu denken. Schon wenige Wochen regelmäßiger Übung zeigen messbare Effekte.

 

Was Ausbildung und Training leisten müssen

Das beste Mittel gegen die Nachteile des Aufgabenspringens ist die Automatisierung von Kernkompetenzen. Je mehr Routinen so tief eintrainiert sind, dass sie ohne bewusstes Nachdenken ablaufen, desto mehr kognitive Kapazität bleibt für neue und kritische Situationen frei.

 

Trainingsempfehlungen für die Aus- und Fortbildung:

Standardsituationen so oft üben, bis sie automatisch ablaufen. Erst wenn eine Handlung automatisiert ist, entlastet sie das Arbeitsgedächtnis wirklich.

Kombinationstraining: Fahrtechnik und Funkkommunikation gleichzeitig üben – nicht als Ausnahme, sondern als regelmäßiger Bestandteil.


Entscheidungstraining unter Zeitdruck und in unklaren, realistischen Szenarien. Das Gehirn muss lernen, auch unter Last strukturiert zu priorisieren.

Achtsamkeits- und Stressbewältigungstraining als fester Bestandteil der Ausbildung – nicht als Wellness-Angebot, sondern als operative Kompetenz.


Nachbesprechungen (Debriefings) nach Einsätzen nicht nur für taktische, sondern auch für kognitive Lernziele nutzen: Wo haben wir zu viel gleichzeitig gemacht? Was haben wir deswegen übersehen?

 

Was Organisationen und Führungskräfte verändern müssen

Aufgaben sinnvoll aufteilen
Viele kognitive Überlastungssituationen sind keine Notwendigkeit, sondern das Ergebnis mangelnder Aufgabenteilung. Bei komplexen Einsatzsituationen sollten Rollen klar verteilt sein: Wer spricht, wer beobachtet, wer funkt. Eine Person tut in dem Moment das Eine – vollständig und mit voller Aufmerksamkeit.

Pausen als operative Maßnahme verstehen
Kurze Unterbrechungen von fünf bis zehn Minuten alle eineinhalb Stunden reduzieren kumulative kognitive Erschöpfung erheblich – das belegt die arbeitspsychologische Forschung eindeutig. Im Schichtdienst müssen solche Pausen strukturell eingeplant und nicht dem Zufall überlassen werden.

Technologie muss den Menschen unterstützen, nicht überfordern
Polizeiliche EDV-Systeme, Funk- und Navigationssysteme sollten nach den Grundsätzen der „Menschlichen Faktoren“ (Human Factors) gestaltet sein: klare Priorisierung wichtiger Meldungen, intuitive Bedienlogik, möglichst wenig ablenkende Nebeninformationen. Die Technik soll den kognitiven Schreibtisch räumen, nicht zustopfen.

 

Kulturwandel in der Führung
Der vielleicht wichtigste Hebel ist ein kultureller: Multi-Tasking darf nicht länger als Zeichen von Leistungsfähigkeit gelten. Führungskräfte, die ihre eigene Arbeit sequenziell organisieren, die realistische Aufgabenlasten zuweisen und die über kognitive Grenzen sprechen, leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Einsatzsicherheit und zur Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 


Nicht wer viel gleichzeitig tut, ist professionell – sondern wer das Richtige zur 
richtigen Zeit mit voller Aufmerksamkeit tut.

 


Fazit:

Multi-Tasking ist ein Mythos. Was unser Gehirn tatsächlich tut, wenn wir glauben, gleichzeitig mehrere Dinge zu erledigen, ist ein schnelles, anstrengendes und fehleranfälliges Springen zwischen Aufgaben. Jeder dieser Sprünge kostet Energie, Zeit und Genauigkeit.
Im Polizeidienst, wo Entscheidungen in Sekunden fallen und Fehler schwere Konsequenzen haben können, ist dieses Missverständnis besonders folgenreich. Es erhöht das Unfallrisiko bei der Fahrzeugführung, verschlechtert die Lagebeurteilung, schadet der menschlichen Wahrnehmung und führt über den Dienst hinweg zu kumulativer Erschöpfung.
Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Gegenmaßnahmen. Sie reichen von individuellen Techniken wie der bewussten Aufgabensequenzierung über systematisches Training bis hin zu organisationalen Veränderungen in Aufgabenverteilung, Pausengestaltung und Führungskultur.

Keine dieser Maßnahmen erfordert außergewöhnliche Ressourcen – aber alle erfordern den Willen zur Veränderung einer tief verwurzelten Arbeitskultur. Das sequenzielle Denken – also das konsequente „Eins nach dem anderen“ – ist kein 
Rückschritt. Es ist die professionellste Art zu arbeiten, die wir kennen. Nicht wer am meisten gleichzeitig tut, handelt kompetent. Sondern wer jeweils das Richtige mit der nötigen Sorgfalt tut.

 

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